Japan – Arigato gozaimaaaaaasu!

Japan! Eigentlich wollte ich da gar nicht hin. Zu eng schien es mir. Aber wann, wenn nicht dieses Jahr, als das WTKO-Sommercamp dort Halt machte und damit potentiell ein „Once-in-a-Lifetime-Highlight“ versprach, das über einen reinen Touristenblick hinausging? So sollte es also sein: Angemeldet! Das Sparschwein in Lebensgefahr.

Wegen der Lage im Nahen Osten bzw. der damit verbundenen Flugrouten und einer anschlussfähigen FlixBus-Verbindung für Felipe buchten wir einen ziemlich teuren Direktflug von Wien und landeten nach epischen 12 Stunden in Tokio. Direkt am Flughafen wollten wir den Gepäckversandservice („Takkyubin“) von Yamato Transport nutzen, um die schwere Tasche mit den Karateanzügen direkt nach Nagano zu senden und für die ersten beiden Wochen unnötigen Ballast abzuwerfen. Der Erfolg blieb uns vorerst versagt, da die Unterkunft in Nagano eine so frühe Annahme vor der eigentlichen Anreise verweigerte.

Problemlos funktionierte hingegen die vorab georderte SIM-Karte von TravSIM. Eingelegt, Netz da – und los ging es zum nächsten SUICA-Automaten, wo wir die aufladbaren Karten für Japans Nahverkehr zogen.

Chigasaki, Kamakura & Tokio

Unser erstes Ziel war Chigasaki, beschrieben als chillige Beachlocation vor den Toren Tokios und der alten Hauptstadt Kamakura. Es ist heiß, sehr heiß, als wir schon gegen 10 Uhr unser Hotel, das 8Hotel Chigasaki, erreichen. Check-in erst ab 15 Uhr, also auf zum Meer, denn das Frühstück im Southern Beach Cafe soll Weltklasse sein. 20 Minuten in Affenhitze. Wir sind froh, dass wir auf Anraten noch in Deutschland einen kleinen, leichten Sonnenschirm gekauft haben, der hier gute Dienste leistet.

Der Strand macht einen trostlosen Eindruck. Ein paar große Hütten, an denen zwar „Beach Club“ dransteht, in denen aber sonst quasi nichts drin ist. Wie auch auf dem übrigen Strand: kaum Leute, keine Sonnenliegen, der Sand und die Sonne viel zu heiß zum Verweilen. Wir kommen schweißgebadet am Southern Beach Cafe an, trocknen langsam im klimatisierten Innenraum und bekommen ein Frühstück, das seinem guten Ruf in nichts nachsteht.

Ein Uber bringt uns zum klimatisierten Kaufhaus LUSCA am Bahnhof, wo wir uns auf Entdeckungsreise begeben und in Umgebung und Kultur eintauchen. Es ist ein kleines Abenteuer: Skurriles, Unbekanntes, Unidentifizierbares und viele kulinarische Verführungen lassen uns immer wieder stehen bleiben und das Neue untersuchen.

Die Stunden verfliegen und wir checken im schönen 8Hotel mit Pool ein. Nur ein einziges Mal kehren wir in den kommenden Tagen zum Strand zurück. Stattdessen fahren wir mit dem Zug nach Kamakura und tauchen in die Tempelwelt der ehrwürdigen Stadt ein. Wir haben uns mittlerweile mit Umhängeventilatoren und einem weiteren Sonnenschirm ausgerüstet, denn die schwüle Hitze ist sonst unerträglich.

Berühmt für seine Hortensien, hüpfen wir von Schatten zu Schatten Richtung Meigetsu-in-Tempel. Auch wenn aufgrund der falschen Jahreszeit von den Hortensien nicht viel zu sehen ist, sind wir dennoch beeindruckt. Durch den vergleichsweise kühlen Wald wandern wir zum etwas größeren Kenchō-ji-Tempel und anschließend Richtung Kamakura-Zentrum, wo wir auf der lebhaften Komachi-dori Shopping Street landen und durch die Souvenir- und Eisläden der Stadt schlendern.

Unser erster „Hit“ in Tokio ist wenig spektakulär: Noch immer ist es heiß und der Kaisergarten ist verschlossen, sodass wir uns mit dem nüchternen Außenbereich zufriedengeben müssen. Weiter zur Shibuya-Kreuzung – die, die wohl in keinem Spot über Tokio fehlen darf und deren Hauptattraktion die vielen Menschen sind, die sie täglich in alle Richtungen überqueren. Wir gehen zwar einmal mit, so wirklich beeindruckend finden wir das aber nicht. Auch der als inspirierend gepriesene Stadtteil drumherum wirkt zwar laut, bietet in seinen Geschäften aber doch eher mainstreamkompatible Souvenirs und Klamotten.

Wir kehren zum Bahnhof zurück und durchstreifen wieder einmal das direkt darüberliegende Kaufhaus auf der Suche nach den häufigen „Oh, was ist das?“ und „Schau mal hier!“.

Direkt neben dem 8Hotel finden wir das Kipon. Wir zögern, denn das Menü ist mit Kreide nur in Japanisch geschrieben, gehen dann aber doch hinein und erleben ein kulinarisches Highlight nach dem anderen. Auf seinen zwei Quadratmetern hinter der Theke lässt der Koch sein Herz auf jedem Teller. Eine Explosion!

Abreise aus Chigasaki, und ein kleines Wunder geschieht: Nach endlosen Nachfragen und wechselseitigen Missverständnissen ist es plötzlich doch möglich, die dicke Tasche aus dem Hotel nach Nagano zu senden. Erleichtert in zweierlei Hinsicht machen wir uns auf nach Kyoto.

Kyoto

Die Tickets für den Shinkansen haben wir am Vorabend im Ticketoffice gekauft. Wie nahezu überall wurden wir trotz Sprachbarriere ganz außerordentlich freundlich und zuvorkommend beraten. So fahren wir mit dem Regionalzug nach Odawara und steigen bald in den Shinkansen ein, der im 20-Minuten-Takt die Hauptstadt mit Kyoto verbindet.

In Kyoto checken wir im Akari Kyoto Gion ein und streifen direkt zum in der Nähe gelegenen Kiyomizu-dera-Tempel und seinen vorgelagerten traditionellen Einkaufsstraßen. Eigentlich ist es fast zu spät, aber wir gehen die letzten Schritte zum Tempel trotzdem und werden mit spektakulären Postkartenmotiven im goldenen Licht von Kyotos Abendsonne belohnt.

Und so ist es schon lange dunkel, als wir mit Vanilleeis-Mochis vor dem Seven-Eleven einen Punkt hinter einen heißen, ereignisreichen Tag setzen und damit eine Tradition der letzten Abende krönen.

Der nächste Tag beginnt mit einem Missgeschick, das sich später noch als Glücksfall herausstellen wird: Um den Touristenmassen am goldenen Tempel Kinkaku-ji zu entgehen, machen wir uns früh mit dem Taxi auf den Weg. Dumm nur, dass ich dem Fahrer als Ziel den Kanku-ji-Tempel nenne. Als er uns mitten im Nirgendwo in den Reisfeldern verabschiedet und auf einen kleinen Wegweiser zeigt, sind meine Zweifel noch vage. Erst als wir in der sengenden Hitze einsam vor einer kleinen Hütte auf einem Privatgrundstück stehen, wird mir nach ein wenig Tipperei zwischen Maps und TripAdvisor mein geschossener Bock klar: Das war wohl nichts! Aber immerhin gibt es eine Bushaltestelle in der Nähe, und dort ist auch noch ein Tempel: der Daikaku-ji. Auch hier sind wenige Menschen, aber die Anlage ist vergleichsweise groß und viele der Räume haben wir für uns allein. In der Schreibstube des Tempels kaufen wir uns ein Sutra-Heftchen und versuchen uns in der Kalligraphie der japanischen Kanji-Zeichen. Ein schöner Moment der Ruhe und eine willkommene Pause von der sengenden Hitze, die uns schon seit dem frühen Morgen begleitet.

Mit dem Stadtbus fahren wir nun zum eigentlichen Ziel, dem goldenen Kinkaku-ji-Tempel, der sich allerdings nur von außen bewundern lässt. Und hier sind sie dann auch: die Touristenmassen, für die Kyoto genauso berühmt ist wie für seine Vielzahl an Attraktionen. Wir lassen uns durch die Außenanlagen schieben und versuchen schnell, ein „schönes“ Foto zu machen. In der Regel muss man dafür aber warten. Dabei ist der Tempel eigentlich gar nicht so alt, da er in den 50er-Jahren neu aufgebaut werden musste, nachdem ein junger Mönch ihn abgefackelt hatte. Dieser Platz hat nichts von Ruhe, und die Ansicht kenne ich eigentlich schon von den Fotos. Da es nichts zu entdecken gibt und die Schieberei schnell ordentlich nervt, freue ich mich, als bald die ersten Wegweiser Richtung Ausgang auftauchen. Und ich freue mich, dass der Zufall mir am Morgen schon etwas viel Schöneres geschenkt hat. Es wird eine Feststellung bleiben, die ich noch häufiger machen werde: Für meinen Geschmack sind die „B-Attraktionen“ die besseren. Sie geben den Raum und die Momente, in denen mit etwas Glück ein kleines Stück der alten Zeit erlebbar wird.

Genug vom Tempeln: Wir haben Hunger und wenden uns Richtung City zum Nishiki-Markt, dem Mekka aller Feinschmecker und Souvenirjäger. Wir schmökern, schlemmen, untersuchen, bestaunen und verkosten uns quer durch die riesige überdachte Einkaufspassage, bis alles schließt.

Abends wandern wir durch Gion, das berühmte Geisha-Viertel Kyotos. Leider schließen auch hier alle Läden und Restaurants sehr früh. Das Durchfeiern lauer Sommernächte ist der Japaner Ding nicht. Wer bis 20 Uhr nichts gegessen hat, muss oft auf die heiße Theke oder die Food-Etagen großer Supermärkte zurückgreifen. Nur der Chion-in-Tempel hat noch geöffnet und beschenkt uns mit den letzten Eindrücken des Tages.

Für unseren letzten Tag in Kyoto lassen wir uns mit einer Bustour (GetYourGuide) zum Arashiyama Bamboo Forest, dem Nara-Nationalpark und dem Fushimi Inari-Taisha-Schrein schunkeln. So ganz überzeugt uns keine der drei Destinationen. Die Rehe im Nara-Nationalpark sind stark distanzgemindert, sobald sie ahnen, dass eine Packung der zu kaufenden, tierfreundlichen Kekse in der Jackentasche schlummert. Den Tipp der Reiseleiterin, dass ein lautes Klatschen verbunden mit dem Wort „Nai!“ die Tiere auf Distanz bringe, können wir nicht bestätigen. Und so spielen sich auf dem Gelände Jagdszenen mit kreischenden Kindern und Erwachsenen ab, die absolutes Slapstick-Potenzial haben.

Der Bamboo Forest und seine nahegelegene Brücke, über die Verliebte gehen, um ihre Liebe vermeintlich zu konservieren, können unsere Erwartungen ebenfalls nur bedingt erfüllen. Denn es ist tatsächlich nur ein (kleiner) Bambuswald, von dem wir kaum glauben mögen, dass er in Asien so selten oder besonders sei. Auch die Brücke wird von allerlei Bussen und Fahrzeugen frequentiert, sodass von verträumt-seliger, wilder Romantik so wenig zu spüren ist, dass wir auf die vermeintlich so wichtige Überquerung gleich ganz verzichten.

Und als wir am Fushimi-Inari-Schrein hören, dass die berühmten orangen Tore von Unternehmern jährlich bezahlt werden, um himmlischen Beistand für den geschäftlichen Erfolg zu erkaufen – der Abbau eines Tores aber sofort bei Ausbleiben dieser Zuwendung erfolgt –, erscheint uns das doch gehörig scheinheilig. Ja, ein gutes Foto lässt sich mit ein bisschen Glück dann erhaschen, wenn der Menschenstrom zufällig kurz abreißt; Geschichte oder Kultur spüren wir an diesen Orten aber kaum.

Tokio: Klappe, die zweite

Zurück in Tokio holen wir Felipe vom Flughafen ab. Unsere Unterkunft in der Nähe des traditionellen Viertels Asakusa und des Tokyo Towers ist zentral gelegen. In beide Richtungen erkunden wir einen ganz anderen Teil der Megacity, die abseits der Rushhour nicht ganz so schlimm menschenübersättigt wirkt, wie wir das erwartet hatten.

Gerade Asakusa, sein Senso-ji-Tempel und die nahe Hoppy Street versprühen einen vitalen und quirligen Charme, den wir beim ersten Besuch der Hauptstadt übersehen hatten. Am nächsten Tag erwandern wir den Meiji-Schrein, stürzen uns direkt nebenan ins Shopping auf der berühmten Takeshita Street und nehmen auf unserem Rückweg beeindruckende Aussichten vom Tokyo Tower über die Lichter der Millionenmetropole mit nach Hause.

Hiroshima

Wir haben Glück: Auf der Fahrt im Shinkansen nach Hiroshima grüßt uns der Fuji, nach dem wir schon in Chigasaki und auf unserer ersten Zugfahrt Ausschau gehalten hatten. Noch am ersten Abend stehen wir still vor dem Atomic Bomb Dome, über dem am 6. August 1945 um 08:15 Uhr die erste Atombombe der Menschheitsgeschichte explodierte und dessen Skelett nur stehen blieb, weil der Druck fast senkrecht auf die Mauern traf. Alle Menschen im Gebäude starben auf der Stelle – genau wie die anderen 140.000 Leben, die an diesem glasklaren Morgen in einer undenkbaren Apokalypse ihr Ende fanden.

Im Friedensmuseum nehmen uns am nächsten Tag die Geschichten der vielen Einzelschicksale für eine Weile die Stimme. Besonders berührt uns das Schicksal der kleinen Sadako Sasaki: Sie war zwei Jahre alt, als die Bombe fiel, und erkrankte Jahre später an den Spätfolgen der Strahlung. Eine alte japanische Legende besagt, dass demjenigen, der tausend Papierkraniche faltet, von den Göttern ein Wunsch erfüllt wird. Voller Hoffnung begann Sadako im Krankenhaus, Origami-Kraniche zu falten, um wieder gesund zu werden. Entgegen einem oft erzählten Mythos erreichte und übertraf sie dieses Ziel sogar: Bis zu ihrem Tod mit nur zwölf Jahren faltete sie schätzungsweise 1.300 bis 1.500 Kraniche. Auch wenn ihr eigener Wunsch auf Heilung nicht in Erfüllung ging, inspirierte ihr unerschütterlicher Wille Menschen weltweit. Bis heute schicken Kinder aus aller Welt Papierkraniche nach Hiroshima, die Sadako und den Kranich zum globalen Symbol des Friedens und des Widerstands gegen den Atomkrieg machten.

Wer in diesem Museum war, versteht Einsteins Einschätzung, der den Krieg als totalen Bankrott der Vernunft verurteilte und darüber hinaus schrieb: „Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.“

Nachdem uns das quirlige Treiben des Zentrums Stimme und Appetit zurückgibt, gehen wir in einem traditionellen Restaurant sensationell gut essen und finden dann trotz der schwierigen Eindrücke in unserer wenig ansehnlichen Mini-Unterkunft in den Schlaf.

Am nächsten Tag wechseln wir für eine Nacht auf die unweit gelegene Insel Miyajima, die trotz der vielen Menschen, die alle wegen des großen, im Wasser stehenden Tores kommen, Idylle versprüht. Abends sind die Massen weg und wir haben die Insel mit einigen wenigen für uns. Auch hier gibt es übrigens Rehe, die sich frei auf den Pfaden bewegen, ohne dabei Wegelagerei auf Nara-Niveau zu betreiben. Mit der letzten Fähre schließt auch die Vielzahl der Läden, von denen jeder zweite die Austern anpreist, für die die Umgebung bekannt ist. So richtig überzeugt uns das nicht, und wir genießen die Zeit in unserer ersten traditionellen Unterkunft, in der wir am Abend die Futon-Matratzen im sonst weitgehend leeren Zimmer mit den typisch japanischen Schiebetüren erst aufbauen müssen.

Nagano & Tobu Recreation Village

Nach nur einer Nacht reisen wir den langen Weg nach Nagano, das für seinen Zenkō-ji-Tempel zwar einige Berühmtheit erlangt hat, sonst aber eher Kleinstadtfeeling versprüht. Hier ist es noch schwieriger, nach 21 Uhr außerhalb des Seven-Eleven einen Drink, geschweige denn ein Restaurant zu finden. Dafür ist unsere Unterkunft im Matsuya Ryokan wirklich sehr schön, wenngleich wir morgens um genau 08:01 Uhr durch energisches Türklopfen darauf aufmerksam gemacht werden, dass unser Frühstück bereits auf uns wartet.

Auf dem Weg zum WTKO-Sommercamp schauen wir uns noch den Tempel in Ueda an. Wie immer brennt der Planet, und unser Versuch im Bogenschießen endet bei 6 Schüssen mit 0 Treffern. Dennoch gibt es einen kleinen Holzanhänger als Trostpreis.

Vom Organisationsteam bereitgestellte Busse fahren uns von der Tanaka Station ins Tobu Recreation Village – einer Mischung aus Sporttagungshotel mit eingebauter Turnhalle und zwei traditionellen japanischen Bädern (Onsen) in einem halbrunden, futuristisch anmutenden Gebäudekomplex. Das Essen ist erstaunlich gut, und zum Frühstück gibt es neben Suppe, Fisch und Reis endlich auch wieder Rührei und Toast. Ein Fest für Felipe und mich, taten wir uns doch mit den rein traditionellen Frühstücksangeboten unserer Herbergen der vergangenen Tage schwer.

Es kommt echtes Camp-Feeling auf: In unserem „Team Germany Leipzig“-Sechserzimmer kommen alle mit der räumlichen Nähe und dem geringen Maß an Privatsphäre erstaunlich gut zurecht. Wir kennen und schätzen uns aber auch schon viele Jahre, was die Ausgangslage sicher begünstigt hat. Vier Tage schweißtreibende Trainings mit alten und neuen Bekannten, Gespräche am Bierautomaten und die gemeinsamen Mahlzeiten im großen Speisesaal hinterlassen bleibende Eindrücke und Verbindungen. Wir sehen uns wieder … 2027 in der Schweiz, quasi ein Heimspiel für uns!

Finale: Tokio

Letzter Step zurück nach Tokio. Wir kommen am frühen Abend an und beschließen einen gemeinsamen Halt rund um den Bahnhof Ueno, im Ameyoko-Viertel. Nachdem wir unser Gepäck in einem der vielen Locker verstaut haben, stehen wir plötzlich mittendrin: Hier sind sie also, die jungen Menschen, die vor kleinen Bars ungezwungen und befreit zusammen den Abend genießen und rauchend und quatschend über dies und jenes sprechen.

Wir genießen mit und warten 90 Minuten auf einen Platz in einem Sushi-Schnellrestaurant, in dem wir uns eines letzten Abends würdig kreuz und quer durch die Karte probieren. Erst spät erreichen wir das Flughafenhotel, genießen am nächsten Morgen ein tolles Frühstücksbuffet und sitzen um 11:20 Uhr pünktlich im Flieger Richtung Wien.

Was sonst?

Toiletten sind besonders. Nach wenigen Tagen haben wir uns an die Sprühvorrichtung gewöhnt und sie schätzen gelernt – so sehr, dass wir über eine Umrüstung der eigenen nachdenken. Auch wenn man in Kombination deutlich weniger verbraucht, hat uns das einlagige Papier hingegen nicht überzeugt; ebenso wenig wie die extra Hausschuhe, die für den Toilettenbereich meist an der Tür zur gemeinsamen Benutzung vorgesehen sind und verhindern sollen, dass Bakterien in die Wohnung getragen werden.

Papierkörbe bzw. deren Abwesenheit empfanden wir als überraschend. Ausgehend von einem Giftgasanschlag 1995 wurden landesweit die meisten abgebaut. Heute tragen die meisten JapanerInnen ihren Müll in einer kleinen Plastiktüte nach Hause oder verbrauchen das soeben Gekaufte direkt vor Ort, um ihn gleich dort zu lassen.

Regeln, Dienstbeflissenheit & Glück! Wo man geht und steht, regeln Schilder, Töne, Durchsagen und „Winkpersonal“ das Leben. Do not sit! Do not eat! Hier entlang, please! Achtung, nicht hinfallen! Achten Sie auf Ihr Gepäck! Halten Sie sich fest! So sollen JapanerInnen vor Alltagskatastrophen, Irrungen und Verfehlungen bewahrt werden. „Gewinkt“ und „gezeigt“ wird viel – übrigens auch, wenn gar niemand in der Nähe ist. Ist der Bahnsteig frei, die Klappe zu, der Schalter richtig, der Monitor unauffällig? Vor allem an Bahnsteigen und in Zügen sieht man uniformiertes Personal immer wieder ritualisiert und wiederholend auf Dinge zeigen und vor sich her sprechen.

Bei all den Bemühungen wurden wir allerdings den Eindruck nicht los, dass es der Selbstständigkeit des Einzelnen nicht unbedingt guttut, wenn der Gängelfaktor des täglichen Umfelds so groß ist.

Scheinbar Gegensätzliches ist in Japan in vielen Dingen ganz natürlich. So gehören Tempel und Kunst, Zen und Religion, Tradition und Moderne ganz selbstverständlich neben schmucklosen, pragmatischen Betonbauten und einer häufig dogmatischen Familien- und Arbeitswelt zusammen. Wir vermissten in den Gesichtern die Leichtigkeit des Seins, die das Leben als Genuss feiert und die Tage nicht an Erfolg, Aufopferung und Effizienz misst. Japan hat eine deutlich über dem Durchschnitt liegende Suizidrate, deren Gründe auf Leistungsdruck, Zukunftsangst und Ausgrenzung zurückgeführt werden. Auf Basis der oberflächlichen Eindrücke erscheint uns das vorstellbar.

Fazit

Japan ist besonders, mitnichten perfekt und schon deshalb eine Reise wert. Unsere Highlights waren das Essen und die Andersartigkeit. Es gibt so viel Unbekanntes und Einzigartiges zu entdecken, dass es ein Fest für die Sinne ist. Diese sind aber auch im Dauerstress. Entspannung oder gar den Müßiggang eines typischen Strandnachmittags zu finden, gelang an den von uns besuchten Orten nicht. Vielleicht muss es dafür ja doch Okinawa sein, oder man lässt diese Erwartung einfach gleich zu Hause. Japan ist anstrengend, immer.

Der Lieblingsort unserer Reise war Kyoto. Hier kommt alles an einem Ort zusammen: Stadtleben und Kultur, Kunst und Kulinarisches. Und reichlich B-Attraktionen, an denen wir das alte Japan aus unserer Vorstellung häufiger fanden als an den vermeintlichen Hotspots.